Erich Lindsiepe und Ehefrau Edda verlassen Hangelar


Haus mit lauter Hühnern: Edda und Erich Lindsiepe sitzen in ihrem Wohnzimmer und blättern in einem Fotoalbum.

06.01.2014 SANKT AUGUSTIN. Er ist eine Institution, einer von diesen Originalen, wie es sie nur noch selten gibt, seine Frau Edda einmal ausgenommen. Erich und Edda Lindsiepe kennen in Hangelar jeden, und jedes Kind kennt Erich und Edda Lindsiepe. Seit 32 Jahren wohnen die beiden "verrückten Hühner" im Haus Nummer 64 an der Kölnstraße mit ihren 100 Hühnern, den beiden Pferden Django und Jenny, den Pekingenten, Fasanen und Ziegenbock Fritz.

Doch ihre Zeit in Hangelar läuft ab. Die Lindsiepes verlassen den Ort, den sie so in ihr Herz geschlossen haben, und ziehen ins Weserbergland in die Nähe von Minden, wo die Tochter und ihre drei Enkel leben.

Wo man sich umhört im Dorf, stößt man auf großes Bedauern. Sankt Augustins ehemalige Bürgermeisterin Anke Riefers hat schon angefragt, ob man das nicht noch ändern könne. "Warum sucht ihr denn nicht hier, sind wir auch viel gefragt worden", sagt Erich Lindsiepe. Das Haus mit den rund 1000 Quadratmetern Grundstück, das die Lindsiepes gemietet haben, muss die Eigentümerin verkaufen, weil deren Mann pflegebedürftig ist und sie das Geld benötigt. "Und hier so ein Haus und Grundstück zu finden, ist sehr schwer", sagt Lindsiepe.

Aus ganz Deutschland kommen jetzt die Anfragen von Freunden und Bekannten, seine Hühner zu kaufen. Lindsiepe ist nicht irgendwer unter den Hühnerzüchtern. Er ist der weltweit anerkannte Experte für die Krüper- und die Brahma-Rasse. "In die ganze Welt habe ich die Eier geschickt."

In Hangelar wird es die Lindsiepe-Hühner und -Eier bald nicht mehr geben. "Traurig ist, dass in den Kitas und Schulen nun keine Küken mehr schlüpfen", sagt Erich Lindsiepe und wischt verstohlen eine Träne weg. Dort hat er immer Schaubrüter aufgestellt und den Kindern den Lebenszyklus der Hühner beigebracht. Der Entschluss sei aber nun mal unumstößlich. Noch bis Ende Juni läuft der Mietvertrag.

Edda Lindsiepe schluckt ein wenig. Auch der Bauerstochter aus Westfalen, deren Großvater schon Krüper-Eier in die Welt verschickte, stehen die Tränen in den Augen, als sie leise die rheinischen Gesetze bemüht. "Et kütt, wie et kütt, und et hät noch immer joot jejange." Es komme ein neuer Lebensabschnitt. Das müsse man jetzt akzeptieren. Wenngleich spürbar ist, dass das wohl noch eine Weile braucht. "Wir leben jetzt so lange hier, und niemals hat jemand aus der Nachbarschaft sich über das Krähen der Hähne beklagt", sagt Edda Lindsiepe. "Und wir haben viele Hähne gehabt, die schon um drei Uhr morgens gekräht haben", ergänzt Ehemann Erich.

Dass das so ist, liegt sicher an den Lindsiepes selbst. Immer steht die Tür offen. Für jeden haben die Lindsiepes mit ihrer entwaffnenden Herzlichkeit und liebenswürdigen direkten Art ein Ohr. Sei es die Delegation aus der israelischen Partnerstadt Mewasseret Zion, für die Edda Lindsiepe koschere Hühnersuppe kochte, oder seien es die Schulkinder, denen Erich Lindsiepe von grünlichen, braunen und weißen Eiern erzählt. Und da gibt es noch den ehemalige Regierungspräsidenten, Franz-Josef Antwerpes, dessen Huhn "Annie Antwerpes" auf dem Lindsiepe-Hof sein "Gnadenkorn" bekam.

Erich Lindsiepe erinnert sich. Nach der Wahl 1994, bei der es in einem Augustiner Wahlbezirk Unregelmäßigkeiten gegeben hatte und neu gewählt werden musste, bestellte Antwerpes die Verantwortlichen zum Rapport in sein Büro nach Köln. "Der hatte aber nur sein Huhn im Sinn und fragte die Augustiner, wer Erich Lindsiepe kennt." Antwerpes sei sogar extra zu ihm gekommen, um das kalkarme Wasser aus Hangelar zu holen für seinen Darjeeling-Tee, erzählt Lindsiepe.

Fast 20 Jahre später steht er bei seinen Hühnern. Es ist an diesem Dezember-Tag erstaunlich ruhig da draußen hinter dem Haus. Leises Geschnatter weht von der Wiese herüber und gegackert wird gerade mal nicht. "19 Nationen hatte ich hier schon auf dem Hof", erzählt der ehemalige Berufssoldat. Eine Delegation der Welternährungskonferenz hatte ihn während einer Tagung in Bonn besucht. Und die staunten auch nicht schlecht, als sie sich im Haus umsahen. "Sie haben keinen Augenfehler, das ist alles da, habe ich denen gesagt."

Von den Wänden sieht man kaum noch die Tapete, dafür Hühner überall, in allen Formen, auf Bildern, auf Porzellantellern, aus Porzellan und und ... Oben auf dem Küchenschrank steht ein Samowar - mit Hähnen, die wie Hähne aussehen. Edda Lindsiepe denkt kurz nach, als sie gefragt wird, wie viele Hühner-Devotionalien auf den drei Etagen im Haus verteilt sind. "Das müssen so um die 4500 Stücke sein."

Da wird das Wände streichen zur logistischen Herausforderung. Und der Umzug sicher auch. "Da muss man schon ein bisschen verrückt sein", sagt Erich Lindsiepe. Seine Hühner sind sogar im Weltraum geflogen, freilich nur in drei Filmen, die der Cartoonist und Hühnerfreund Peter Gaymann gedreht hat.

Nun sind sie gerade auf der Suche nach einem neuen Heim im Weserbergland. Die Lindsiepes fangen im fortgeschrittenen Alter noch mal ganz von vorne an, zwei Stämme im Gepäck - ein Krüperhahn und ein Brahma-Hahn mit jeweils drei Hennen. "Das ist dann der vorletzte Umzug. Der letzte ist mit Erdmöbel", sagt Erich Lindsiepe mit dem ihm eigenen Humor. (Michael Lehnberg)

(Quelle: General-Anzeiger Bonn)

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